Neu in Chemnitz-Sonnenberg

5. November 2010

Goldene Stadtlage – leere Kassen

Filed under: Uncategorized — Katharina @ 13:37

Stephan Kühn, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/ Die GRÜNEN, besuchte gestern Chemnitz und informierte sich vor Ort zum Thema Aufbau Ost. Ich habe die Gelegenheit genutzt, noch mehr über meine Umgebung zu erfahren und dabei einen weiteren Fan des Viertels kennen gelernt.

In einer Gesprächsrunde im kleinen Bürgerzentrum im Plattenbauteil des Sonnenbergs saßen die Expertinnen und Experten um den Tisch. Grit Stillger, neben dem Amtsleiter für Stadtplanung Börries Butenop als Vertreterin der Stadt präsent, gab Auskunft über die schwierige Lage. Die „Leiterin Koordination Fördermittel, Stadterneuerung, Stadtumbau“ berichtete von leeren Kassen. Noch nicht einmal in das Förderprogramm, was die Bundesregierung jetzt kürzen will, war der Sonnenberg aufgenommen worden. Durch Wegzug, mehr Leerstände und sichtbaren Verfall, zudem durch Verkehrslärm und die Abgrenzung des Viertels vom Bahnhof hätten sich – nach der Aufbruchsstimmung der 90-er Jahre – jetzt die sozialen Probleme wieder vergrößert.
Professor Clauss Dietel und MdB Stephan Kühn an der Jakobstraße / Ecke ZietenstraßeDer junge Abgeordnete – gebürtiger Dresdener – erklärte, wie „volkswirtschaftlich dumm“ es sei, den Stadtumbau nach 20 Jahren nicht weiter fördern zu wollen. Für die energetische Sanierung müssten neue Gelder aufgebracht werden, statt zum Beispiel durch die Kerosinsteuerbefreiung jährlich auf 7 Milliarden Euro Einnahmen zu verzichten. Immer wieder kurz angesprochen wurde auch die „zweite Leerstandswelle: die Generation, die nach der Wende nicht geborgen wurde, wird keine Kinder kriegen“. Das werde schon in der Mitte des Jahrzehnts spürbar werden. Wie kompliziert das Förderthema insgesamt ist, wurde deutlich, wenn Kühn und Stillger in Fachdialoge gerieten.
Dann ergriff der berühmte Gestalter und Präsident des Verbandes Bildender Künstler zur Wendezeit, Prof. Clauss Dietel, das Wort: „Ich bin der älteste in der Runde und kenne den Sonnenberg am längsten. Vor 48 Jahren hatte ich hier mein erstes Atelier – ein großes Wort, ein Blumenladen in der Schüffnerstraße, dann hatte ich einen ausgebauten Pferdestall. Ich verstehe hier von dem Planchinesisch nichts. Es gibt hier eine schlimme Altlast. Der Monopolist Deutsche Reichsbahn hat eine bis heute existente 1,5 Kilometer lange Mauer – so wie in Berlin vom Brandenburger Tor bis zum Wedding – gebaut. Es gibt nur die menschenunwürdige Passage, die „Bazillenröhre“. Die Öffnung dieser Mauer beim Umbau des Hauptbahnhofs ist elementar. Es gibt ein unerhörtes Potential für den Sonnenberg, das ist eine goldene Stadtlage, ein perfekt geplantes Quartier. Dass da Lücken ‚reingerissen wurden, ist eine Katastrophe, aber es ist noch existent. Es ist nicht zerstört. Ich habe die kleinen Geschäfte und Handwerker erlebt: Es ist völliger Blödsinn zu sagen, das ist ein Proletenviertel. Erst durch die DDR ging das in die Binsen: zu DDR-Zeiten wurde nichts saniert, dann abgerissen, dann Plattenbauten gebaut. Nach der Wende ist durch die illegale Führung von zwei Bundesstraßen durch die Wohnstraße das Viertel kaputtgefahren worden. Wir haben gekämpft um die Tempo-30-Zone in der Zietenstraße.“
Am liebsten würde der Professor sie ganz für die Durchfahrt sperren. Er plädierte für marktgerechte Preise der Infrastruktur: je weiter vom Zentrum entfernt, um so teurer seien die Abwasserleitungen und die Müllabfuhr. So müsste die Innenstadt, wozu die Runde auch den Sonnenberg zählte, attraktiver gemacht werden. Schließlich werde man vom neuen Museum für Archäologie direkt auf den Sonnenberg blicken. Sein Appell: „Wir müssen das Leben organisieren, da gibt es für den Sonnenberg alle Chancen.“
Er ist auch Mitglied des Kuratoriums für Stadtgestaltung.
Ein DeutschalndRadioKultur-Bericht mit ihm aus den Abrisszeiten der letzten Jahre

Viel versprechend die Idee von Sachsen-Fernsehen Geschäftsführer René Falkner, der die ganze Zeit dabei war, eine TV-Reihe über den Sonnenberg zu machen. Ich habe mich begeistert gezeigt und auch von den Aktivitäten von Toni Jost erzählt, dessen Namen er schon kannte. Der Verein „Stadthalten“, der heute im Wächterhaus sein Herbstfest feiert, war gleichfalls bei dem Besuch dabei. Hoffen wir, dass etwas aus der Idee wird.

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